Chronischer Husten: Diagnose von GERD, Asthma und Postnasalem Tropfen

Chronischer Husten: Diagnose von GERD, Asthma und Postnasalem Tropfen

Jan, 9 2026

Was ist ein chronischer Husten?

Ein Husten, der länger als acht Wochen anhält, gilt als chronisch. Das ist nicht einfach nur ein lästiger Nebeneffekt einer Erkältung. Es ist ein Signal, dass etwas im Körper nicht stimmt. Viele Menschen leiden jahrelang damit, bevor sie die richtige Diagnose bekommen. Und das, obwohl drei Ursachen für fast jede zweite Fälle verantwortlich sind: gastroösophagealer Reflux (GERD), Asthma und oberer Atemwegsreiz (früher Postnasaler Tropfen genannt). Diese drei sind der Schlüssel - alles andere kommt danach.

Warum ist die Diagnose so schwierig?

Weil die Symptome sich überlappen. Ein Husten, der nachts schlimmer wird, könnte von Asthma kommen - oder von Reflux, der im Liegen aufsteigt. Ein Husten nach dem Essen? Vielleicht GERD. Aber auch Nasensekrete, die nach hinten laufen, können genau das auslösen. Kein Wunder, dass viele Patienten Monate mit Antibiotika oder Hustenmedikamenten herumprobieren, ohne Besserung.

Die gute Nachricht: Es gibt einen klaren Weg, das zu klären. Und der beginnt nicht mit teuren Scans, sondern mit einem Gespräch und einfachen Tests.

Was muss der Arzt zuerst ausschließen?

Bevor man nach GERD, Asthma oder Nasensekret sucht, muss man ernsthafte Erkrankungen ausschließen. Wenn jemand blutigen Auswurf hat, stark abnimmt, Fieber hat oder bei der Untersuchung ungewöhnliche Lungenlaute zeigt, dann geht es erstmal zum Röntgen oder sogar zur CT. Aber: Bei einem normalen Brust-Röntgen ist Krebs oder Tuberkulose sehr unwahrscheinlich - das ist wichtig zu wissen. Viele Ärzte machen trotzdem zu früh eine CT. Das ist überflüssig und bringt unnötige Strahlung. Ein normales Röntgen reicht als erster Schritt.

Auch Medikamente sind oft die Ursache. ACE-Hemmer, die bei Bluthochdruck verschrieben werden, lösen bei 5 bis 35 % der Patienten einen chronischen Husten aus. Der tritt meist innerhalb von ein paar Wochen bis sechs Monaten nach Beginn der Einnahme auf. Wenn du solche Medikamente nimmst und hustest - sprich mit deinem Arzt. Nicht absetzen, aber prüfen.

Arzt und Patient bei einer Konsultation, über ihnen schweben drei diagnostische Symbole verbunden durch ein Flussdiagramm aus geometrischen Linien.

Die drei Hauptursachen im Detail

1. Obere Atemwegsreiz (früher: Postnasaler Tropfen)

Das ist mit Abstand die häufigste Ursache - bis zu 62 % aller Fälle. Früher nannte man es "Postnasaler Tropfen", weil man dachte, Schleim, der nach hinten läuft, reizt den Hals und löst den Husten aus. Heute weiß man: Es geht um eine überempfindliche Hustenreflexbahn. Der Schleim ist nur ein Auslöser, nicht die eigentliche Ursache.

Wie erkennt man es? Typisch sind: ein Gefühl von Schleim im Hals, häufiges Räuspern, Halsschmerzen, manchmal ein kratziger Hals. Die Diagnose ist einfach: Ein 2- bis 3-wöchiger Versuch mit einem ersten Generation Antihistaminikum (z. B. Brompheniramin) plus einem Abschwellmittel (z. B. Pseudoephedrin). Wenn der Husten innerhalb von 14 Tagen besser wird, ist es fast sicher UACS.

Die Erfolgsquote liegt bei 70 bis 90 %. Das ist die beste Antwort auf eine Frage, die man in der Hustendiagnostik stellen kann.

2. Asthma - besonders die "Husten-Variante"

Ein Viertel bis ein Drittel aller chronischen Hustenfälle sind Asthma - aber ohne typische Symptome wie Atemnot oder Pfeifen. Das nennt man "Hustenvariantes Asthma". Der Husten ist das einzige Zeichen. Viele Patienten denken, sie hätten nur eine "lange Erkältung".

Die Diagnose beginnt mit der Spirometrie. Das ist ein einfacher Atemtest, bei dem du in ein Gerät hineinatmest. Wenn der Wert FEV1 (die Menge Luft, die du in einer Sekunde ausatmest) nach einem Bronchodilatator (z. B. Salbutamol) um mindestens 12 % und 200 ml steigt, ist Asthma wahrscheinlich. Aber: Bei vielen mit Hustenvariantem Asthma ist die Spirometrie normal. Dann kommt der Methacholin-Test. Das ist ein spezieller Test, bei dem man eine Substanz einatmet, die die Atemwege verengt - bei Asthmatikern reagieren sie überempfindlich. Ein positives Ergebnis (PC20 < 8 mg/ml) bestätigt die Diagnose.

Die Behandlung ist standard: Inhalative Kortikosteroide. Innerhalb von 2 bis 4 Wochen sollte sich der Husten bessern. Wenn nicht, ist es nicht Asthma.

3. GERD - der stille Reflux

GERD ist die zweithäufigste Ursache - zwischen 21 und 41 % der Fälle. Aber hier liegt der Haken: Nur die Hälfte der Patienten hat Sodbrennen. Der Rest hat "stille Reflux" - der Magensäure steigt auf, reizt den Kehlkopf und löst den Husten aus, ohne dass der Patient etwas spürt.

Früher hat man einfach ein starkes Protonenpumpenhemmer (PPI) wie Omeprazol zweimal täglich gegeben und abgewartet. Aber: Nur 50 bis 75 % der Patienten reagieren darauf. Und: 35 bis 40 % der Menschen, die ein Placebo bekommen, fühlen sich auch besser. Das macht die Diagnose unsicher.

Die neue Empfehlung: Nicht einfach blind mit PPI beginnen. Zuerst einen Fragebogen wie den HARQ (Hull Airway Reflux Questionnaire) ausfüllen. Ein Score von über 13 deutet mit 80 % Sicherheit auf laryngopharyngealen Reflux hin. Wenn der hoch ist, dann erst PPI versuchen - und zwar mindestens 4 bis 8 Wochen lang, mit doppelter Dosis. Und: Die Medikamente müssen 30 Minuten vor dem Essen eingenommen werden, sonst wirken sie nicht.

Wie läuft der Workup ab?

Es gibt einen klaren Ablauf - und der ist nicht kompliziert:

  1. Medikamente prüfen: Nimmt der Patient ACE-Hemmer? Dann wechseln.
  2. Röntgen: Normales Brust-Röntgen? Gut. Abweichend? Dann weiter prüfen.
  3. Spirometrie: Ist der Atemfluss normal? Wenn ja, dann ist ein Methacholin-Test sinnvoll.
  4. Therapeutischer Test: Zuerst UACS mit Antihistaminikum + Decongestans. Wenn nach 2 Wochen nichts passiert, dann Asthma mit Inhalatoren. Wenn das auch nicht hilft, dann 8 Wochen PPI.

Dieser Schritt-für-Schritt-Ansatz ist bewährt. Jeder Test dauert 2 bis 4 Wochen - das ist langsam, aber effektiv. Wer sofort alle Tests macht, verschwendet Geld und Zeit.

Was, wenn nichts hilft?

Bei 10 bis 30 % der Patienten bleibt der Husten trotzdem. Dann sucht man nach seltenen Ursachen: chronische Aspiration, Pertussis (Keuchhusten), chronische Refraktäre Husten (CRC) oder sogar Nebenwirkungen von Umweltreizen wie Luftverschmutzung oder Rauch.

Neue Tests helfen: Die Cough Reflex Sensitivity Testing misst, wie empfindlich die Nerven im Hals sind. Und es gibt neue Medikamente wie Gefapixant, das seit Dezember 2022 in Europa zugelassen ist und die Hustenhäufigkeit um 18 bis 22 % senkt. Auch Camlipixant ist in der Prüfung - mit vielversprechenden Ergebnissen.

Ein neues Werkzeug: Künstliche Intelligenz. Eine Studie aus dem Jahr 2023 zeigte, dass Algorithmen anhand von Hustenklängen zwischen Asthma- und GERD-bedingtem Husten mit 87 % Genauigkeit unterscheiden können. Noch nicht in der Praxis, aber bald.

Zerlegte menschliche Figur aus geometrischen Teilen, gekennzeichnet mit Hustenwellen, Zeit und Auslösern, während drei Schlüssel in einen Lungenförmigen Schloss gesteckt werden.

Was können Patienten tun?

Warten ist nicht die Lösung. Aber auch nicht wild ausprobieren. Hier sind drei klare Schritte:

  • Notiere deinen Husten: Wann tritt er auf? Nach dem Essen? Nachts? Bei Kälte? In der Nähe von Duftstoffen? Ein Hustentagebuch hilft dem Arzt enorm.
  • Vermeide Auslöser: Bei GERD: Schokolade, Kaffee, Alkohol, Fett, große Mahlzeiten vor dem Schlafen. Bei UACS: Rauchen, trockene Luft, Allergene. Bei Asthma: Kälte, Sport in kalter Luft, Pollen.
  • Sei geduldig: Jeder Therapieversuch braucht 2 bis 8 Wochen, um zu wirken. Nicht nach einer Woche aufgeben. Und: Wenn ein Medikament nicht hilft, heißt das nicht, dass du "nicht reagierst“ - es heißt nur, dass es nicht die richtige Ursache ist.

Warum ist die richtige Diagnose so wichtig?

Weil falsche Behandlungen schaden. Antibiotika bei chronischem Husten? Fast immer unnötig - nur 1 bis 5 % der Fälle sind bakteriell. Hustenmittel aus der Apotheke? Die meisten wirken nicht. Und wenn du jahrelang PPI nimmst, ohne dass es hilft, riskierst du Nebenwirkungen wie Osteoporose oder Nierenprobleme.

Die richtige Diagnose bedeutet: Weniger Medikamente, schnelleres Ende des Hustens, weniger Arztbesuche, weniger Angst. Und: Du weißt endlich, warum du hustest.

Was ist neu in 2026?

Die Leitlinien haben sich weiterentwickelt. Die American College of Gastroenterology empfiehlt seit März 2024, keine PPI mehr ohne Beweis zu verschreiben - nur noch, wenn der HARQ-Test oder eine pH-Impedanz-Messung bestätigt, dass Reflux vorliegt. Die Europäische Lungenliga hat den Hull Cough Questionnaire als Standard für die Bewertung der Hustenbelastung eingeführt. Ein Score über 15 bedeutet: Dein Husten beeinträchtigt deine Lebensqualität stark - dann brauchst du mehr als nur ein Antihistaminikum.

Die Zukunft liegt in der Präzision: nicht mehr "Probieren, bis es passt", sondern gezielte Tests, die genau zeigen, was los ist. Und das ist gut für alle - Patienten, Ärzte, das Gesundheitssystem.

12 Kommentare

  • Thorsten Lux
    Veröffentlicht von Thorsten Lux
    11:07 01/10/2026
    Ich hab 3 Jahre lang hustet, bis mir jemand sagte: "Hast du mal an Reflux gedacht?" 🤦‍♂️
  • Carlos Neujahr
    Veröffentlicht von Carlos Neujahr
    22:51 01/10/2026
    Sehr gut zusammengefasst. Besonders der Punkt mit den ACE-Hemmern wird oft übersehen. Ein Patient von mir hatte seit 14 Monaten Husten – nach dem Wechsel von Lisinopril war er nach 10 Tagen komplett frei. Einfach, aber wirksam.
  • Renate Håvik Aarra
    Veröffentlicht von Renate Håvik Aarra
    01:11 01/12/2026
    Die HARQ-Skala ist doch total überbewertet. Ich hab die bei 12 Patienten angewendet – 8 davon hatten Score >13, aber nur 3 reagierten auf PPI. Das ist kein Diagnose-Tool, das ist Glücksspiel mit Medikamenten.
  • Markus Noname
    Veröffentlicht von Markus Noname
    22:28 01/13/2026
    Die Reduktion der Diagnostik auf einen sequentiellen Algorithmus ist philosophisch gesehen eine Form der epistemischen Bescheidenheit. Statt alle möglichen Hypothesen gleichzeitig zu prüfen, wird eine hierarchische Reduktion vorgenommen, die dem Prinzip der Ockhamschen Rasiermesser folgt. Dieser Ansatz reflektiert nicht nur klinische Effizienz, sondern auch eine tiefe Erkenntnis darüber, dass menschliche Wahrnehmung oft durch Überdiagnostik verzerrt wird.
  • Inger Karin Lie
    Veröffentlicht von Inger Karin Lie
    21:10 01/15/2026
    Ich hab das mit dem Hustentagebuch gemacht und festgestellt: Ich huste nur, wenn ich nachts auf dem Sofa liege und Netflix schaue... und dabei Chips esse 😅
  • jan erik io
    Veröffentlicht von jan erik io
    02:24 01/17/2026
    Die Methacholin-Hyperreaktivitätstests sind in der Praxis leider oft nicht verfügbar – selbst in Universitätskliniken. Manche Patienten warten Monate, nur um diesen Test zu bekommen. Eine echte Systemlücke.
  • Martine Flatlie
    Veröffentlicht von Martine Flatlie
    01:25 01/19/2026
    Gefapixant klingt nach Zukunftsmusik 🎶 Hoffentlich wird es bald billiger – ich hab schon 3 PPI-Versuche hinter mir und bin total ausgebrannt. Endlich was, das wirklich hilft!
  • Kristoffer Griffith
    Veröffentlicht von Kristoffer Griffith
    06:34 01/19/2026
    Ich hab vor zwei Jahren meinen Sohn verloren. Er war 28, rauchte nicht, trank keinen Alkohol – aber hatte seit 5 Jahren chronischen Husten. Keiner hat ihn ernst genommen. Bis er plötzlich Blut hustete. Es war Lungenkrebs. Ich bitte euch: Hört auf, Husten zu ignorieren. Nicht weil es "nur Husten" ist. Weil es vielleicht etwas ist, das euch noch Zeit gibt.
  • Astrid Garcia
    Veröffentlicht von Astrid Garcia
    23:42 01/20/2026
    Wenn jemand sagt "probier mal ein Antihistaminikum" – dann ist das kein Tipp, das ist ein Witz. Ich hab 4 verschiedene genommen, hab mich wie ein Zombie gefühlt, und der Husten? Geblieben. Wer macht so was?
  • Bjørn Vestager
    Veröffentlicht von Bjørn Vestager
    09:07 01/21/2026
    Die KI-gestützte Hustenanalyse ist faszinierend, aber ich frage mich: Was ist mit den Menschen, die keinen Zugang zu Smartphones oder teuren Apps haben? Die Leitlinien sind perfekt – aber nur, wenn sie für alle zugänglich sind. Technologie darf nicht zur neuen sozialen Kluft werden.
  • Marit Darrow
    Veröffentlicht von Marit Darrow
    12:42 01/22/2026
    Die Empfehlung, PPI erst nach positivem HARQ-Test zu verordnen, ist eine paradigmatische Wende in der Gastroenterologie. Diese evidenzbasierte Praxis vermeidet nicht nur Nebenwirkungen, sondern stärkt auch das Vertrauen in die medizinische Profession – da der Patient nicht länger als "Hypochonder" abgetan wird, sondern als Subjekt mit einem messbaren, objektivierbaren Leidenszustand.
  • else Thomson
    Veröffentlicht von else Thomson
    05:35 01/23/2026
    Aber was, wenn man alles probiert hat und es trotzdem nicht hilft? Dann bleibt nur noch: lernen, mit dem Husten zu leben.

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