Zusätzlicher Wettbewerb: Wie zweite und dritte Generika die Preise drücken

Zusätzlicher Wettbewerb: Wie zweite und dritte Generika die Preise drücken

Jan, 30 2026

Warum ein zweites Generikum den Preis halbiert

Wenn ein Patent für ein bekanntes Medikament ausläuft, taucht normalerweise zuerst ein einziger Hersteller mit einem günstigeren Generikum auf. Der Preis fällt - oft auf etwa 13 % des ursprünglichen Marktpreises. Doch dann passiert etwas Wichtiges: Ein zweiter Hersteller kommt. Und plötzlich fällt der Preis nochmal um mehr als die Hälfte. Ein dritter Hersteller? Der Preis sinkt auf knapp 42 % des ursprünglichen Brand-Preises. Das ist kein Zufall. Das ist Marktmechanik.

Die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA hat das genau gemessen: In einem Markt mit nur einem Generikum liegt der Preis bei 87 % des Originalpreises. Mit dem zweiten Hersteller sinkt er auf 58 %. Mit dem dritten auf 42 %. Das bedeutet: Der Sprung von einem auf zwei Generika senkt die Kosten um 36 %. Der nächste Schritt - von zwei auf drei - senkt ihn nochmal um 27 %. Diese Zahlen kommen nicht aus Theorie. Sie basieren auf echten Verkaufsdaten von 2018 bis 2020, als über 2.400 neue Generika auf den Markt kamen und insgesamt 265 Milliarden US-Dollar an Einsparungen für Patienten generierten.

Was passiert, wenn nur zwei Hersteller da sind?

Doch nicht jeder Markt entwickelt sich so. In fast der Hälfte aller Generika-Märkte gibt es nur zwei Hersteller - ein sogenanntes Duopol. Und das ist gefährlich. Denn wenn nur zwei Firmen konkurrieren, verliert der Preisdruck seine Wirkung. Stattdessen können sie sich stillschweigend abstimmen, die Preise hochhalten oder sogar erhöhen. Eine Studie der University of Florida aus dem Jahr 2017 zeigte: Wenn ein dritter Hersteller aus dem Markt verschwindet, steigen die Preise manchmal um 100 bis 300 %. Das ist kein Fehler im System. Das ist das System - wenn es nicht funktioniert.

Warum verschwinden Hersteller? Weil die Margen schrumpfen. Wenn fünf oder zehn Unternehmen um denselben Preis kämpfen, bleibt kaum noch Gewinn übrig. Einige brechen aus. Andere werden von großen Konzernen aufgekauft. Teva kaufte Allergan Generics. Viatris entstand aus der Fusion von Mylan und Upjohn. Die Zahl der unabhängigen Hersteller sinkt. Und mit ihr die Konkurrenz.

Wer profitiert wirklich vom Preisverfall?

Die Einsparungen sind riesig. Aber wer bekommt sie? Die Patienten? Die Krankenkassen? Die Apotheken? Die Antwort ist kompliziert. Die FDA untersuchte zwei Preisquellen: Die Herstellerpreise (AMP) und die tatsächlichen Einkaufspreise der Apotheken. Die Herstellerpreise fielen um 60 bis 70 %, wenn mehrere Generika auf dem Markt waren. Doch die Apotheken zahlten nur 40 bis 50 % weniger. Warum? Weil die drei großen Distributoren - McKesson, AmerisourceBergen und Cardinal Health - 85 % des Marktes kontrollieren. Sie verhandeln die Preise mit den Herstellern, behalten einen Teil der Ersparnis und geben nicht alles an die Apotheken weiter.

Dazu kommen die Pharmacy Benefit Managers (PBMs) wie Express Scripts oder Evernorth. Sie verhandeln Rabatte mit Herstellern, aber oft werden diese Rabatte nicht an die Patienten weitergegeben. Stattdessen profitieren sie von Komplexität: Sie verlangen höhere Selbstbeteiligungen, verstecken Rabatte in Verträgen und machen Gewinn aus der Unübersichtlichkeit. In Märkten mit vielen Generika haben PBMs mehr Spielraum - sie können bessere Rabatte aushandeln. Aber das bedeutet nicht, dass Patienten weniger zahlen. Es bedeutet nur, dass die Systemakteure besser verhandeln können.

Zwei Unternehmen halten einen Preishebel fest, während ein dritter Hersteller versucht, den Markt zu öffnen.

Was blockiert den Wettbewerb?

Der Markt für Generika ist nicht frei. Er wird von künstlichen Hindernissen behindert. Die größte Bedrohung: Pay-for-Delay. Das ist ein Deal zwischen einem Originalhersteller und einem Generika-Anbieter: Der Brand-Hersteller zahlt dem Generika-Unternehmen, damit es seine Markteinführung verzögert. So bleibt das Originalmedikament länger ohne Konkurrenz. Die Blue Cross Blue Shield Association schätzt, dass diese Praxis jährlich 12 Milliarden US-Dollar an Kosten verursacht - davon 3 Milliarden direkt bei Patienten, die ihre Rezepte selbst bezahlen.

Dann gibt es Patent-Thickets. Ein Hersteller reicht nicht einfach ein Patent ein. Er reicht 50, 70, manchmal sogar 75 Patente ein - für Verpackungen, Dosierungen, Verabreichungswege. Ein bekanntes Medikament hatte 75 Patente, die seine Monopolzeit von 2016 bis 2034 verlängerten. Das ist kein Schutz der Innovation. Das ist ein System, das den Wettbewerb abschaltet.

Und dann gibt es Sample-Blocking. Originalhersteller weigern sich, Proben ihres Medikaments an Generika-Hersteller zu geben - obwohl das gesetzlich vorgeschrieben ist. Ohne diese Proben kann der Generika-Hersteller nicht beweisen, dass sein Produkt identisch ist. Die FDA hat das mit dem CREATES Act 2022 bekämpft. Aber die Durchsetzung bleibt schwierig.

Warum ist der dritte Hersteller der Schlüssel

Der zweite Hersteller bringt den ersten großen Preissturz. Der dritte macht den Unterschied zwischen „günstig“ und „erschwinglich“. Experten wie Dr. Aaron Kesselheim von der Harvard Medical School und Dr. Scott Gottlieb, ehemaliger FDA-Kommissar, betonen: Die Eintrittsphase zwischen dem zweiten und fünften Generikum ist die effektivste Phase für Preisreduktionen. Danach wird es instabil. Wenn zu viele Hersteller kommen, brechen einige aus. Wenn zu wenige kommen, steigen die Preise.

Die Analyse des ASPE (US-amerikanisches Ministerium für Gesundheitsdienste) zeigt: In Märkten mit drei Wettbewerbern sinken die Preise nach drei Jahren um 20 %. Bei zehn oder mehr Herstellern sinken sie um 70 bis 80 %. Das ist der Punkt, an dem das Medikament für fast alle bezahlbar wird - nicht nur für Versicherte, sondern auch für diejenigen, die ohne Versicherung auskommen müssen.

Fünf Generika-Pillen drücken den Preis auf Bodenniveau, Patienten greifen nach erschwinglichen Medikamenten.

Was kann getan werden?

Die Lösung ist nicht, mehr Generika zu erlauben. Die Lösung ist, mehr Wettbewerb zu ermöglichen. Die FDA hat mit GDUFA III (2023-2027) neue Regeln eingeführt, um die Zulassung von Generika, besonders von komplexen Wirkstoffen, zu beschleunigen. Der Kongress arbeitet an Gesetzen wie dem Preserve Access to Affordable Generics and Biosimilars Act, der Pay-for-Delay-Abkommen verbietet. Diese Maßnahmen sind notwendig - aber nicht ausreichend.

Was wirklich zählt, ist Transparenz. Patienten müssen wissen, warum ein Medikament plötzlich teurer wird. Krankenkassen müssen ihre Verträge mit PBMs öffnen. Die Regierung muss die Daten der Hersteller, Distributoren und PBMs öffentlich machen. Ohne Transparenz bleibt der Wettbewerb ein Geheimnis - und die Patienten zahlen den Preis.

Was kommt als Nächstes?

Analysten von Evaluate Pharma erwarten, dass Generika-Preise bis 2027 jährlich um 3 bis 5 % sinken - vorausgesetzt, es gibt genug Wettbewerb. Doch der Trend zur Konzentration in der Lieferkette macht diese Prognose unsicher. Wenn nur noch drei Hersteller für ein Medikament produzieren, wenn nur noch drei Distributoren die Ware verteilen, wenn nur noch drei PBMs die Abrechnung steuern - dann ist der Wettbewerb nur noch eine Illusion.

Die wahren Gewinner dieser Entwicklung sind nicht die Unternehmen. Sie sind die Patienten. Und die einzige Chance, sie zu schützen, ist, den Markt so zu gestalten, dass der zweite und dritte Generika-Hersteller nicht nur erlaubt, sondern gefördert werden. Denn in der Pharmaindustrie ist Konkurrenz nicht nur fair. Sie ist lebenswichtig.

4 Kommentare

  • Frank Boone
    Veröffentlicht von Frank Boone
    06:14 01/31/2026
    Also wenn ich ein Medikament kaufe und es plötzlich halb so teuer ist, weil zwei Firmen es machen, dann ist das doch eigentlich ein Sieg für uns, oder? 🤔 Aber nein, die Distributoren kassieren den Unterschied ein. Geile Logik, echt. 😏
  • luis stuyxavi
    Veröffentlicht von luis stuyxavi
    06:09 02/ 1/2026
    Ich find's immer wieder beeindruckend, wie komplex das alles ist, wenn man mal drüber nachdenkt – also wirklich, wir reden hier von Leben und Tod, aber die Wirtschaft hat das in ein riesiges, undurchsichtiges System verwandelt, wo jeder nur an sich denkt, und am Ende zahlt der Patient, der gar keine Ahnung hat, warum sein Rezept plötzlich 40 Euro mehr kostet, obwohl das Medikament doch eigentlich nur 3 Euro wert ist, aber nein, die PBMs haben einen Vertrag mit dem Distributor, der wiederum von einem Konzern kontrolliert wird, der ein Patent auf die Verpackung hat, und dann kommt noch der Pay-for-Delay-Scheiß dazu, und ich frag mich manchmal, ob das alles absichtlich so kompliziert gemacht wurde, damit niemand versteht, wer hier eigentlich die Kontrolle hat, und ob wir nicht alle nur Spielsteine in einem Spiel sind, das von Leuten gespielt wird, die noch nie ein Medikament eingenommen haben, außer vielleicht zur Beruhigung nach einem langen Tag mit Bilanzen und Gewinnquoten. 🤯
  • Yassine Himma
    Veröffentlicht von Yassine Himma
    13:25 02/ 1/2026
    Der dritte Hersteller ist der Schlüssel – das ist kein Zufall, das ist System. Ein Duopol ist eine Kartellstruktur mit anderen Worten. Die Wirtschaftswissenschaft hat das seit Jahrzehnten bewiesen. Aber Politik und Lobbyisten verhindern, dass das System funktioniert. Warum? Weil Profit über Gesundheit geht. Und das ist keine Marktwirtschaft. Das ist kapitalistischer Kannibalismus.
  • zana SOUZA
    Veröffentlicht von zana SOUZA
    17:15 02/ 2/2026
    Ich hab letzte Woche ein Antibiotikum gekauft – war halb so teuer wie letztes Jahr. Hab mich gefreut. Aber dann hab ich gesehen, dass die Apotheke den Rabatt nicht weitergegeben hat. Hab mich dann nur noch traurig gefühlt. 🫂 Es ist, als ob wir alle in einem großen Haus wohnen, aber nur die Vermieter die Schlüssel haben.

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