Normaldruck-Hydrozephalus: Gangstörungen, kognitive Beeinträchtigungen und Shunts

Normaldruck-Hydrozephalus: Gangstörungen, kognitive Beeinträchtigungen und Shunts

Jan, 3 2026

Wenn ein älterer Mensch plötzlich schwerer geht, vergesslich wird oder nicht mehr die Kontrolle über die Blase hat, denken viele: das ist einfach Alter. Doch hinter diesen Symptomen könnte etwas stecken, das sich mit einer einfachen Operation fast vollständig heilen lässt: der Normaldruck-Hydrozephalus. Er ist eine der wenigen Formen von Demenz, die reversibel ist - wenn man ihn rechtzeitig erkennt.

Was ist Normaldruck-Hydrozephalus?

Normaldruck-Hydrozephalus (NPH) ist eine Erkrankung, bei der sich zu viel Hirnwasser (Liquor) in den Ventrikeln des Gehirns sammelt. Diese Hohlräume dehnen sich aus, drücken auf das umliegende Gewebe und stören die normale Funktion des Gehirns. Trotzdem bleibt der Druck im Liquor systematisch normal - zwischen 70 und 245 mm H₂O. Deshalb heißt es „Normaldruck“. Der Name täuscht: Die Auswirkungen sind gravierend, aber der Druck ist nicht wie bei einem akuten Hirnwasserschlag erhöht.

Die Krankheit wurde erstmals 1965 von Salomón Hakim und Raymond Adams beschrieben. Heute wissen wir: NPH betrifft vor allem Menschen über 60, besonders ab 65. In Deutschland leben schätzungsweise 0,4 % der über 65-Jährigen mit NPH - in Pflegeheimen sogar bis zu 5,9 %. Viele werden nie richtig diagnostiziert. Ein Studie aus dem Jahr 2022 zeigte, dass bis zu 60 % der Fälle falsch als Alzheimer oder Parkinson erkannt werden.

Die drei klassischen Symptome: Gang, Gedächtnis, Blase

NPH zeigt sich typischerweise in einer Trias: Gangstörung, kognitive Beeinträchtigung und Harninkontinenz. Aber nicht alle drei treten bei jedem auf. Nur 29 % der Patienten haben alle drei Symptome gleichzeitig.

  • Gangstörung: Sie ist das früheste und häufigste Symptom - bei fast 100 % der diagnostizierten Patienten. Der Gang wirkt „magnetisch“: Die Füße kleben am Boden, die Schritte sind kurz, breit und unsicher. Der Patient wirkt, als würde er auf Eis laufen. Im Gegensatz zu Parkinson gibt es keinen Zittern, sondern eine starre, steife Fortbewegung. Ein 10-Meter-Walk-Test zeigt oft eine Verlangsamung um mehr als 30 %.
  • Kognitive Beeinträchtigung: Hier geht es nicht um das Vergessen von Namen, sondern um langsames Denken, Schwierigkeiten bei der Planung, Konzentration und Entscheidungsfindung. Die Aufmerksamkeit leidet, der Patient wirkt apathisch, passiv, „nicht mehr dabei“. Neuropsychologische Tests zeigen typischerweise Frontal-Subkortikale Defizite - also Probleme, die mit dem vorderen Teil des Gehirns zu tun haben. 73 % der Patienten zeigen diese Veränderungen.
  • Harninkontinenz: Dieses Symptom tritt oft als letztes auf. Es beginnt mit einem verstärkten Harndrang, dann kommt die Unfähigkeit, rechtzeitig zur Toilette zu kommen. 34 % der Patienten haben Inkontinenz, aber viele zögern, davon zu sprechen - und Ärzte übersehen es oft.

Warum ist NPH so schwer zu erkennen?

Weil es sich wie andere Demenzen anfühlt. Alzheimer zeigt erst spät Gangprobleme, Parkinson hat Tremor und Muskelsteifigkeit. Vaskuläre Demenz kommt nach Schlaganfällen - plötzlich und schrittweise. NPH dagegen schleicht sich langsam, über Monate oder Jahre, an. Die Leute sagen: „Er wird halt älter.“

Ein weiteres Problem: Die Diagnose erfordert mehrere Tests, die nicht jeder Arzt durchführen kann. Ein einfacher CT-Scan zeigt zwar vergrößerte Ventrikel, aber das allein reicht nicht. Viele gesunde ältere Menschen haben auch vergrößerte Hirnwasserhohlräume - ohne Symptome. Deshalb braucht man:

  • Eine MRT mit spezifischer Auswertung: Evan’s Index (Ventrikel-/Gehirnverhältnis ≥ 0,3), Vergrößerung der Temporallappen, Periventrikuläre Veränderungen, Flussverlust im Aquädukt.
  • Einen Neuropsychologischen Test: Trail Making Test B, Digit Symbol Substitution Test - um exekutive Funktionen zu prüfen.
  • Ein Liquor-Abpump-Test (Lumbar-Punktionstest): 30-50 ml Hirnwasser werden abgesaugt. Danach wird der Gang und die kognitive Leistung nach 30-60 Minuten erneut gemessen. Verbessert sich der Patient um mindestens 10 %, ist die Wahrscheinlichkeit für einen erfolgreichen Shunt bei 82 %.

Wie wird NPH behandelt?

Es gibt keine Medikamente, die NPH heilen. Die einzige wirksame Behandlung ist die Operation: ein Ventrikuloperitonealer Shunt.

Das ist ein kleines, aber raffiniertes System: Zwei Katheter - einer führt vom Gehirn, der andere in den Bauchraum. Sie sind mit einem Ventil verbunden, das den Liquor-Fluss regelt. Das Ventil ist meist auf 50-200 mm H₂O eingestellt, je nach Patient. Der überschüssige Liquor fließt vom Gehirn in den Bauch, wo er vom Körper aufgenommen wird.

Die Operation dauert 60-90 Minuten, erfolgt unter Vollnarkose. Die Krankenhausaufenthaltsdauer liegt bei durchschnittlich 3,5 Tagen. Die meisten Patienten spüren Verbesserungen innerhalb von 48 Stunden - manche sogar schon nach 24 Stunden.

Neurochirurg setzt einen Shunt ein, der Hirnwasser vom Gehirn in den Bauch leitet.

Wie erfolgreich ist die Behandlung?

Wenn der richtige Patient operiert wird, ist der Erfolg hoch. Studien zeigen: 70-90 % der Patienten profitieren deutlich. Eine Umfrage der Hydrocephalus Association mit 457 Patienten ergab:

  • 76 % verbesserten ihren Gang
  • 62 % hatten bessere Konzentration und Gedächtnisleistung
  • 58 % konnten wieder die Blase kontrollieren
  • 89 % waren zufrieden mit der Behandlung
Ein 72-jähriger Mann berichtete auf Reddit: „Nach der Operation ging ich 10 Meter in 12 Sekunden - vorher brauchte ich 28. Und die Inkontinenz? Weg.“

Aber es gibt auch Risiken. Bei 8,5 % kommt es zu einer Infektion, bei 15 % tritt ein Shuntversagen innerhalb von zwei Jahren auf. 5,7 % entwickeln eine Subduralblutung. Und: Nicht jeder, der operiert wird, profitiert. Bei 20-30 % bleibt die Verbesserung aus - besonders wenn die Diagnose zu spät gestellt wurde.

Zeit ist entscheidend

Dr. George T. Chi von der Massachusetts General Hospital sagt: „Die Therapiezeit ist eng. Wenn man länger als 12 Monate wartet, sinkt die Wirksamkeit der Operation um 30 %.“

Das bedeutet: Je früher man NPH erkennt, desto besser die Chancen. Ein Patient, der seit drei Jahren Probleme hat, hat weniger Hoffnung als einer, der seit acht Monaten Symptome zeigt. Die meisten Patienten warten durchschnittlich 14,3 Monate, bis sie richtig diagnostiziert werden - oft weil Ärzte nicht auf die Gangstörung achten.

Was kommt als Nächstes?

Die Forschung macht Fortschritte. Seit 2022 gibt es das Radionics® CSF Dynamics Analyzer, das den Liquor-Abfluss genau misst - die Diagnosesicherheit steigt auf 89 %. 2023 wurde die „iNPH Diagnostic Calculator“-App veröffentlicht, die mit 12 klinischen Parametern die Wahrscheinlichkeit für einen Shunt-Erfolg berechnet - mit 85 % Genauigkeit.

Auch neue Biomarker werden getestet. Drei klinische Studien untersuchen Proteine im Liquor, die NPH eindeutig von Alzheimer unterscheiden können - erste Ergebnisse zeigen 92 % Sensitivität. Das könnte eines Tages die Lumbarpunktion überflüssig machen.

Familie beobachtet, wie ein alter Mann durch Behandlung wieder gehen kann.

Was können Angehörige tun?

Wenn ein Familienmitglied langsam schwerer geht, weniger spricht, vergesslich wird und die Blase nicht mehr kontrolliert, fragen Sie: „Könnte das Normaldruck-Hydrozephalus sein?“

Fordern Sie eine neurologische Untersuchung an - und speziell einen Liquor-Abpump-Test. Sprechen Sie mit einem Neurochirurgen. Die meisten Krankenkassen erstatten die Tests, wenn die Symptome klar sind - aber 37 % der Patienten berichten von Ablehnungen. Bleiben Sie hartnäckig.

NPH ist kein Satz. Es ist eine Krankheit, die man heilen kann - wenn man sie erkennt.

Shunt-Hersteller und Kosten

In Deutschland werden vor allem Shunt-Systeme von drei Herstellern verwendet:

  • Medtronic (45 % Marktanteil) mit dem Strata®-Ventil
  • Codman (30 %) mit dem Hakim®-Ventil
  • Miethke (15 %) mit programmierbaren Ventilen
Ein Shunt kostet zwischen 3.200 und 5.800 Euro. Die Operation inklusive Krankenhausaufenthalt wird von der Krankenkasse übernommen - durchschnittlich 28.450 Euro pro Fall. In Deutschland übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten, wenn die Diagnose nach den internationalen Leitlinien gestellt wurde.

Langfristige Perspektive

Die Ergebnisse aus dem schwedischen Hydrozephalus-Register zeigen: 68 % der Patienten haben 20 Jahre nach der Operation noch immer eine deutliche Verbesserung. Aber die Shunts müssen oft gewartet werden. Der durchschnittliche Shunt hält 6,3 Jahre, bevor eine Revision nötig ist.

Die Zukunft liegt in der Früherkennung. Wenn wir in der Allgemeinmedizin und Neurologie lernen, Gangstörungen als Warnsignal zu sehen - und nicht als „Alter“ -, dann können wir viele Menschen von einer unnötigen Demenzdiagnose befreien.

15 Kommentare

  • Martine Flatlie
    Veröffentlicht von Martine Flatlie
    12:42 01/ 3/2026
    Ich hab meinen Opa letztes Jahr durch diesen Test retten können 😊 Er war schon fast in einem Pflegeheim, nach der Operation lief er wieder ohne Stock durchs Haus. Man sollte das einfach öfter in Erwägung ziehen!
  • Astrid Garcia
    Veröffentlicht von Astrid Garcia
    23:37 01/ 4/2026
    Wieso wird das nicht in jeder Hausarztpraxis standardmäßig geprüft? Das ist doch lächerlich, dass Leute jahrelang als Alzheimer abgetan werden, obwohl es eine einfache OP ist. #KrankenhausVersagen
  • Aleksander Knygh
    Veröffentlicht von Aleksander Knygh
    22:11 01/ 5/2026
    Ach ja, natürlich. Einfache OP. Als ob das nicht ein riesiges Risiko ist. Ich hab einen Cousin, der nach so einem Shunt eine Subduralblutung bekam und seitdem halbseitig gelähmt ist. Das ist kein Wunder, das ist Roulette mit dem Gehirn.
  • Runa Bhaumik
    Veröffentlicht von Runa Bhaumik
    11:13 01/ 6/2026
    Ich find es wichtig, dass wir als Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit auf diese unsichtbaren Krankheiten richten. Nicht jeder, der langsam geht, ist "alt". Es ist eine Frage der Würde. Ich hab meine Mutter dazu gebracht, sich untersuchen zu lassen. Sie war 78. Heute geht sie wieder einkaufen. 🙏
  • Tom André Vibeto
    Veröffentlicht von Tom André Vibeto
    21:47 01/ 6/2026
    Es ist fast poetisch, wie das Gehirn seinen eigenen Flüssigkeitskreislauf verliert – ein stiller Fluss, der sich staut, bis die Gedanken versinken. Und dann – ein kleiner Schlauch, ein Ventil – und die Seele atmet wieder auf. Wie ein verstopfter Bach, der plötzlich wieder fließt.
  • Linn Leona K
    Veröffentlicht von Linn Leona K
    22:36 01/ 6/2026
    Meine Tante hatte das. Keiner hat’s gesehen. Sie hat sich zurückgezogen, weil sie dachte, sie wird verrückt. Als sie endlich den Test gemacht hat, hat sie geweint. Nicht weil sie geheilt wurde, sondern weil sie endlich verstanden wurde.
  • Håvard Paulsen
    Veröffentlicht von Håvard Paulsen
    11:24 01/ 7/2026
    Ich hab das letztes Jahr bei meinem Vater gesehen und dachte erst er macht sich nur Sorgen wegen der Demenz. Dann hab ich den Arzt gezwungen, den Liquortest zu machen. Er hat sich innerhalb von 3 Tagen verändert. Leute, das ist kein Mythos. Das ist Medizin.
  • Torbjørn Kallstad
    Veröffentlicht von Torbjørn Kallstad
    22:47 01/ 7/2026
    Haha ja klar. 89% Erfolg. Und wo sind die 11%? Die, die nach der OP im Rollstuhl sitzen und nicht mehr sprechen? Die werden nicht erwähnt. Die Industrie verkaufte Shunts, nicht Heilung. Das ist Business, kein Medizin.
  • Daniel Cash Kristiansen
    Veröffentlicht von Daniel Cash Kristiansen
    19:47 01/ 9/2026
    Das ist ein klassisches Beispiel für medizinische Übertherapie. Shunts sind invasive Geräte mit hohen Komplikationsraten. Warum nicht erst mit kognitivem Training, Physiotherapie und Ernährungsumstellung beginnen? Stattdessen wird gleich in den OP-Saal geschickt. Das ist pathologische Eile.
  • linn Bjorvatn
    Veröffentlicht von linn Bjorvatn
    03:18 01/11/2026
    Die diagnostischen Kriterien sind nicht standardisiert. Die Liquor-Abpump-Test-Protokolle variieren zwischen Kliniken. Es gibt keine einheitliche Definition von "signifikanter Verbesserung". Daher ist die Erfolgsquote in Studien oft irreführend.
  • Filip overas
    Veröffentlicht von Filip overas
    19:50 01/11/2026
    Die Pharmaindustrie und die Shunt-Hersteller stecken dahinter. Sie haben die WHO und die neurologischen Verbände beeinflusst. Normaldruck-Hydrozephalus ist ein erfundener Markt. Die Symptome kommen von Umweltgiften und 5G. Die OP ist nur ein Ablenkungsmanöver.
  • Tora Jane
    Veröffentlicht von Tora Jane
    22:47 01/11/2026
    Ich hab das bei meiner Oma gesehen. Sie hat nach der OP wieder gesungen. Das war das erste Mal seit Jahren. Ich hab nie gedacht, dass das möglich ist. Danke für diesen Beitrag. Es hat mir geholfen, zu verstehen, was passiert ist.
  • Jorid Kristensen
    Veröffentlicht von Jorid Kristensen
    11:18 01/13/2026
    Wenn man so was hat, sollte man sich nicht mit "Warten" beschäftigen. Das ist keine Option. Entweder du handelst oder du lässt deine Familie im Dunkeln. Punkt.
  • Ivar Leon Menger
    Veröffentlicht von Ivar Leon Menger
    19:47 01/13/2026
    Mein Opa hatte den shunt und nach 2 jahren hat er ne infektion bekommen und musste nochmal operiert werden und dann hat er ne subduralblutung bekommen und ist gestorben. Also ja es kann klappen aber es ist ein riesen risko und die meisten leute wissen das nicht
  • Kari Gross
    Veröffentlicht von Kari Gross
    23:11 01/13/2026
    Die medizinische Gemeinschaft muss sich verpflichten, Gangstörungen bei älteren Menschen als ernstzunehmendes Symptom zu betrachten und nicht als altersbedingte Norm. Jede Verzögerung ist eine verlorene Chance.

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