Wenn Sie in Deutschland ein Generikum kaufen, zahlen Sie oft weniger als die Hälfte des Originalpräparats. Aber warum kostet das gleiche Medikament in Spanien oder Polen noch weniger? Die Antwort liegt in einem System, das kaum jemand kennt, aber die Preise von Hunderten von Medikamenten weltweit bestimmt: internationale Referenzpreisbildung. Es ist kein Zufall, dass Generika in Europa deutlich günstiger sind als in den USA - hinter dieser Differenz steckt eine kluge, aber umstrittene Strategie, die seit Jahrzehnten die Arzneimittelpreise in fast allen europäischen Ländern formt.
Wie funktioniert internationale Referenzpreisbildung?
Internationale Referenzpreisbildung (IRP) bedeutet, dass ein Land nicht einfach selbst entscheidet, wie viel ein Medikament kosten darf. Stattdessen schaut es auf die Preise in anderen Ländern - meist in Nachbarstaaten mit ähnlichen Gesundheitssystemen - und setzt den eigenen Preis danach. Für Generika wird das besonders häufig angewendet, weil sie keine Patente mehr schützen und somit keine Innovationen mehr bezahlen müssen. Der Gedanke ist einfach: Wenn ein Medikament in Frankreich, Italien und den Niederlanden für 2 Euro verkauft wird, warum sollte es in Deutschland 5 Euro kosten? Dabei gibt es zwei Hauptwege: externe und interne Referenzpreisbildung. Externe IRP vergleicht Preise aus anderen Ländern direkt. Interne IRP, die in Europa viel häufiger genutzt wird, bildet eine Gruppe von therapeutisch gleichwertigen Generika und setzt den Preis für alle auf das Niveau des günstigsten Produkts - plus einen kleinen Aufschlag. In Deutschland zum Beispiel funktioniert das über das AMNOG-Gesetz: Der Preis für alle Generika einer Gruppe wird auf den niedrigsten Preis plus 3 % festgelegt. Wer nicht mitmacht, bekommt keine Erstattung durch die Krankenkassen.Welche Länder werden als Referenz genommen?
Nicht jedes Land schaut auf dieselben Referenzländer. In Westeuropa orientieren sich die meisten an Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und dem Vereinigten Königreich. Diese fünf Länder gelten als stabile, transparente Märkte mit klaren Preisregeln. Länder in Osteuropa hingegen nehmen oft Österreich, Deutschland und die Niederlande als Referenz - weil diese Preise als realistischer und weniger volatil gelten. Die Europäische Kommission empfiehlt, jeweils 5 bis 7 Länder in den Referenzkorb aufzunehmen. Zu viele Länder machen das System unübersichtlich, zu wenige machen es anfällig für Manipulation. Einige Länder, wie die Schweiz, gehen einen eigenen Weg: Dort wird der Preis für Generika als zwei Drittel des durchschnittlichen internationalen Preises und ein Drittel des Preises in der Schweiz selbst berechnet. Das soll verhindern, dass das Land zu stark von Preisschwankungen in anderen Ländern abhängt.Warum ist das für Generika anders als für Originalmedikamente?
Für Patente Medikamente - also neue, innovative Arzneimittel - ist IRP oft nur ein Teil der Preisgestaltung. Hier spielen auch klinische Wirksamkeit, Patientennutzen und Entwicklungskosten eine Rolle. Bei Generika ist das anders: Sie müssen nicht neu erforscht werden. Sie enthalten dieselbe Wirkstoffmenge wie das Original, sind therapeutisch gleichwertig und werden oft von denselben Herstellern produziert - nur ohne den Markennamen. Deshalb nutzen 24 von 27 EU-Ländern interne Referenzpreisbildung speziell für Generika. Nur 12 Länder verwenden externe IRP für diese Medikamente. Das liegt daran, dass Generika keine Innovation mehr darstellen. Ihr Wert liegt in der Preiswettbewerbsfähigkeit. Deshalb setzen Länder wie die Niederlande zusätzlich auf Ausschreibungen und verpflichtende Rabatte: Hier werden Generika nicht nur verglichen, sondern aktiv versteigert. Das führt dazu, dass Generika dort bis zu 85 % günstiger sind als das Originalpräparat.
Was sind die Vorteile?
Der größte Vorteil ist klar: Kostenersparnis. Länder, die IRP für Generika nutzen, zahlen im Durchschnitt 25 bis 40 % weniger als Länder ohne solche Systeme. In Deutschland allein spart das Gesundheitssystem jährlich mehrere Milliarden Euro - Geld, das für andere Behandlungen, neue Medikamente oder Pflegekräfte verwendet werden kann. Ein weiterer Vorteil ist Transparenz. Ärzte und Apotheker wissen genau, welches Generikum im Preisniveau liegt. Das fördert den Austausch: In Spanien wird heute fast 90 % aller verschriebenen Generika tatsächlich abgegeben - im Jahr 2010 waren es noch 52 %. Das liegt an klaren Regeln: Wenn ein Arzt ein teureres Präparat verschreibt, muss er einen Grund angeben. Sonst zahlt die Krankenkasse nicht.Was sind die Nachteile?
Aber es gibt auch dunkle Seiten. Wenn der Preis zu niedrig angesetzt wird, hören Hersteller auf, das Medikament herzustellen. In Griechenland während der Finanzkrise (2010-2018) gab es in einigen Jahren bis zu 37 % der Generika nicht mehr auf dem Markt - weil die Preise so niedrig waren, dass die Produktion nicht mehr rentabel war. Patienten mussten auf andere Wirkstoffe umsteigen, oft ohne medizinische Notwendigkeit. Ein weiteres Problem ist die sogenannte „Preisspirale“. Wenn ein Land seinen Preis senkt, weil es den Preis eines anderen Landes übernimmt, reagieren die anderen Länder mit noch tieferen Preisen - und so weiter. Das führt dazu, dass neue Generika länger auf den Markt kommen. Eine Studie zeigte, dass Länder mit reinem IRP-System 18 % länger warten, bis ein neues Generikum verfügbar ist. Auch die Qualität wird in Frage gestellt. In einer OECD-Umfrage gaben 34 % der Patienten in Europa an, sie hätten Bedenken, ob die billigen Generika genauso wirksam sind wie teurere. Dabei gibt es keine wissenschaftlichen Beweise dafür - aber die Wahrnehmung zählt. Apotheker in Spanien berichten, dass Patienten manchmal nach dem teureren Produkt fragen, weil sie „das bessere“ meinen - obwohl es das gleiche ist.Wie reagieren Hersteller?
Für Generikahersteller wie Teva, Sandoz oder Fresenius Kabi ist IRP ein Dilemma. Einerseits steigt der Absatz - weil mehr Menschen Generika nehmen. Andererseits sinkt der Umsatz pro Einheit. Teva meldete 2022, dass sein Umsatz in Europa trotz 15 % mehr Verkaufsmengen um 9 % zurückging. Sandoz hingegen sagt, dass gut gestaltete IRP-Systeme sogar helfen, Marktanteile zu gewinnen - wenn man effizient produziert und Qualitätsstandards hält. Einige Hersteller haben sich angepasst: Sie produzieren jetzt spezielle Versionen für bestimmte Länder, um den Preisvorgaben zu entsprechen. Das führt aber zu Fragmentierung: Ein Medikament, das in Deutschland und Frankreich gleich ist, kann in Italien eine andere Füllstoffzusammensetzung haben - nur weil die Referenzpreise anders berechnet werden. Das erschwert den Handel und kann zu Versorgungsengpässen führen.
Die ganze Diskussion um Referenzpreise ist ein klassischer Fall von wirtschaftlichem Wahn. Man reduziert Medikamente auf einen Preispunkt, als wäre es ein Paket Nudeln im Supermarkt. Die Qualität wird ignoriert, die Versorgungssicherheit wird opfert, und am Ende zahlt der Patient mit gesundheitlichen Risiken. Das ist keine Preisgestaltung, das ist Sozialdumping in weißem Kittel.
Es ist bemerkenswert, wie stark die Preisfindung von nationalen politischen Entscheidungen abhängt - und wie wenig transparenz in den Berechnungsmodellen besteht. Die Verwendung von Referenzländern, die oft nicht vergleichbar sind, führt zu systematischen Verzerrungen, die die pharmazeutische Versorgung in Randregionen gefährden. Eine harmonisierte, evidenzbasierte Methode wäre wünschenswert - aber politisch kaum durchsetzbar.
Ich finde es faszinierend, wie sich das System selbst verstärkt: Je niedriger ein Land den Preis setzt, desto mehr Druck entsteht auf die Nachbarn - und plötzlich ist kein Hersteller mehr bereit, ein Medikament in einem Land mit 1,20 € zu produzieren, weil es in Polen für 0,80 € verkauft wird. Es ist wie ein preislicher Dominoeffekt - nur dass hier nicht Spielsteine fallen, sondern Lebensmittel für kranke Menschen. Und das Schlimmste? Die Hersteller passen sich an, indem sie die Inhaltsstoffe verändern - nicht weil sie besser werden, sondern weil sie billiger sein müssen. Das ist kein Fortschritt, das ist eine langsame Zersetzung der Arzneimittelsicherheit.
Ich find’s total krass, wie viel Geld das System spart - aber gleichzeitig so viele Menschen im Stich lässt, die einfach das richtige Medikament nicht mehr bekommen. 😔 Ich hab letztes Jahr ein Generikum bekommen, das mich krank gemacht hat - das Original hab ich nicht mehr gekriegt, weil es „nicht mehr rentabel“ war. Warum muss man immer nur am Preis messen? 🤷♀️
Das ist doch lächerlich. Wenn ich als Patient ein Medikament brauche, das mir hilft, dann soll es mir auch gegeben werden - nicht das billigste, das gerade auf dem Markt rumliegt. Wer das System so akzeptiert, hat nie einen chronischen Patienten kennengelernt. Das ist medizinischer Kolonialismus mit Apothekenstempel.
Man könnte fast sagen: Die europäische Gesundheitspolitik hat sich zum Priester einer neuen Religion erhoben - der Religion des billigsten Preises. Und wie bei jeder Religion gibt es Märtyrer: Die Patienten, die nicht mehr das richtige Medikament bekommen, die Apotheker, die mit leeren Regalen stehen, und die Hersteller, die sich in Fragmentierung und Qualitätsverlust verlieren. Das ist kein System - das ist ein Selbstmordkommando mit Budgetplan.
Es ist wichtig, dass wir nicht nur über Preise reden, sondern auch über Zugang - und über Vertrauen. Viele Patienten vertrauen nicht mehr auf Generika, weil sie erlebt haben, dass sich die Wirkung ändert. Das ist kein Mythos - das ist echte Angst. Wir brauchen mehr Transparenz, mehr Kommunikation, und vor allem: mehr Respekt für die Erfahrungen der Betroffenen. Es geht nicht um teuer oder billig - es geht um sicher und verlässlich.
Die internationale Referenzpreisbildung ist ein Phänomen der postmodernen Ökonomie - wo der Wert eines Medikaments nicht mehr in seiner Wirkung, sondern in seiner Preiselastizität gemessen wird. Wir haben die Heilung zu einem Marktsegment degradiert, das sich an den niedrigsten gemeinsamen Nenner anpasst. Doch was ist ein Mensch, dessen Leben von einem Tablet abhängt, wenn das Tablet nur noch ein Produkt in einer Preisliste ist? Die Logik der Kostenrechnung hat die Logik der Heilung verdrängt - und das ist die größte Tragödie dieser Ära.
Ich hab das Gefühl, dass wir alle vergessen haben, warum wir Medikamente brauchen. Es geht nicht um Sparpotenziale - es geht um Menschen. 🤍
Die dynamischen Preissysteme in Frankreich klingen eigentlich ganz gut - wenn sie wirklich auf Verkaufszahlen und nicht nur auf die billigsten Produkte reagieren. Aber man muss auch die Hersteller nicht völlig aushungern. Ein bisschen Luft nach oben für komplexe Generika wäre fair. Ich find’s halt blöd, wenn alles auf 0,99€ gedrückt wird - dann bleibt nichts mehr übrig für Qualität.
WIR MÜSSEN DIE HERSTELLER UNTERSTÜTZEN - NICHT AUSLIEFERN! 🚨 Wer bei 1,20€ für ein Inhalationspräparat produzieren soll, das 15 Jahre Forschung braucht, ist ein Narr. Die EU muss endlich zwischen einfachen Tabletten und komplexen Formulierungen unterscheiden. Sonst gibt es bald keine innovativen Generika mehr - nur noch billige Pseudos. Das ist kein Sparen - das ist Selbstmord für die nächste Generation von Patienten.