Hepatitis B: Chronische Infektion, Antivirale und Impfung

Hepatitis B: Chronische Infektion, Antivirale und Impfung

Feb, 15 2026

Wenn du mit Hepatitis B lebst, weißt du: Es geht nicht nur um ein positives Bluttest-Ergebnis. Es geht um deine Leber, deine Zukunft, deine Lebensqualität. Jeder dritte Mensch auf der Welt wurde mindestens einmal mit dem Hepatitis-B-Virus (HBV) in Kontakt gebracht. Doch nur ein Teil davon entwickelt eine chronische Infektion - und das ist der Punkt, an dem es wirklich zählt. Denn chronische Hepatitis B kann Jahrzehnte lang unsichtbar bleiben, bis plötzlich Leberzirrhose oder Leberkrebs auftreten. Die gute Nachricht? Wir haben heute bessere Werkzeuge als je zuvor - Antivirale, die das Virus kontrollieren, und eine Impfung, die es fast komplett verhindern kann.

Was macht eine Hepatitis B zur chronischen Infektion?

Ein akuter Hepatitis-B-Infekt ist oft wie eine starke Grippe: Müdigkeit, Gelbsucht, Bauchschmerzen. Bei den meisten Erwachsenen besiegt das Immunsystem das Virus innerhalb von sechs Monaten. Doch bei etwa 5 bis 10 Prozent der Erwachsenen - und bei bis zu 90 Prozent der Neugeborenen - bleibt das Virus im Körper. Dann spricht man von einer chronischen Hepatitis B einer langanhaltenden Infektion mit dem Hepatitis-B-Virus, die durch das Vorhandensein des Hepatitis-B-Oberflächenantigens (HBsAg) länger als sechs Monate nachgewiesen wird. Dieser Zustand ist gefährlich, weil das Virus die Leber langsam zerstört, ohne dass der Betroffene etwas spürt. Viele Menschen wissen gar nicht, dass sie infiziert sind - bis es zu spät ist.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass 296 Millionen Menschen weltweit chronisch mit HBV infiziert sind. In Deutschland leben etwa 250.000 bis 300.000 Betroffene, aber viele davon sind nicht diagnostiziert. Warum? Weil die Symptome fehlen. Deshalb ist das Screening so wichtig - besonders für Risikogruppen: Menschen aus Ländern mit hoher HBV-Prävalenz (wie Asien, Afrika, Osteuropa), Menschen mit HIV-Infektion, Menschen, die sich tätowieren lassen oder intravenöse Drogen nehmen, und alle, die mit einer infizierten Person engen Kontakt hatten.

Wie wird eine chronische Hepatitis B erkannt?

Ein einfacher Bluttest sagt alles: Ist das HBsAg noch nach sechs Monaten nachweisbar? Dann ist es chronisch. Aber das ist erst der Anfang. Jetzt geht es darum, wie aktiv das Virus ist. Drei Werte entscheiden über den weiteren Weg:

  • HBV-DNA: Die Menge des Virus im Blut. Je höher, desto aktiver die Vermehrung.
  • ALT: Ein Leberenzym. Erhöhte Werte zeigen Entzündung der Leber an.
  • Fibrose: Wie viel Narbengewebe hat sich bereits in der Leber gebildet? Dafür gibt es heute nicht-invasive Tests wie FibroScan oder Blutmarker, statt einer Leberbiopsie.

Die neue WHO-Richtlinie von 2024 macht es einfacher: Wenn die HBV-DNA über 2.000 IE/ml liegt, wird eine Behandlung empfohlen - unabhängig von ALT-Werten oder Fibrose. Früher musste man warten, bis die Leber schon geschädigt war. Jetzt wird früher behandelt. Und das rettet Leben.

Welche Antivirale helfen wirklich?

Heute gibt es fünf Hauptmedikamente, die bei chronischer Hepatitis B eingesetzt werden. Die drei wichtigsten sind Tenofovir disoproxil fumarate (TDF), Entecavir (ETV) und Tenofovir alafenamid (TAF). TAF ist inzwischen die erste Wahl - und das aus gutem Grund.

TDF und ETV sind seit Jahren bewährt. Aber TAF, das seit 2016 auf dem Markt ist, ist sanfter. Studien zeigen: Es senkt das Virus genauso effektiv wie TDF - aber mit viel weniger Nebenwirkungen. Während TDF die Nieren belasten und die Knochen schwächen kann, bleibt TAF fast ohne diese Risiken. Ein Wechsel von TDF zu TAF führt in den ersten Monaten oft zu einer Verbesserung der Nierenfunktion und einer Zunahme der Knochendichte. Das ist kein kleiner Vorteil - besonders für ältere Menschen oder diejenigen, die schon andere Erkrankungen haben.

Pegyliertes Interferon (PEG-IFN) wird heute nur noch selten eingesetzt. Es hat starke Nebenwirkungen - Fieber, Müdigkeit, Depressionen - und wird nur bei jungen, gesunden Menschen mit hohen ALT-Werten und niedrigem Viruswert in Betracht gezogen. Die meisten Patienten nehmen heute Tabletten - und die nehmen sie lebenslang.

Wichtig: Antivirale heilen die chronische Hepatitis B nicht. Sie unterdrücken das Virus. Deshalb ist die regelmäßige Einnahme entscheidend. Ein einziger verpasster Tag kann das Virus wieder aufleben lassen. Und wenn es wieder aktiv wird, kann es die Leber schneller schädigen als zuvor.

Schwangere Frau mit schützendem Schild und Baby, das Hepatitis-B-Impfung und Schutzspritze erhält.

Was ist mit Schwangeren und Kindern?

Die meisten neuen Infektionen bei Kindern entstehen während der Geburt - von einer infizierten Mutter auf das Baby. Früher war das fast unvermeidbar. Heute ist es vermeidbar. Die WHO empfiehlt seit 2024: Alle schwangeren Frauen mit HBV-DNA über 5,3 log10 IE/ml (das sind etwa 200.000 IE/ml) sollten ab der 28. Schwangerschaftswoche mit Tenofovir behandelt werden. Das senkt das Übertragungsrisiko von bis zu 90 Prozent auf unter 5 Prozent. Und das Baby bekommt nach der Geburt sofort die Impfung und eine Schutzspritze (HBIG).

Bei Kindern ist die Behandlung anders als bei Erwachsenen. Die Leber reagiert anders, das Immunsystem ist noch im Aufbau. Die erste nationale Leitlinie für Kinder mit Hepatitis B wurde 2018 veröffentlicht - und sie sagt klar: Nicht alle Kinder brauchen Medikamente. Aber Kinder mit hohen Viruswerten und Leberentzündung sollten behandelt werden. Besonders wichtig: Die Behandlung sollte immer von einem Kinderhepatologen begleitet werden. Die meisten Kinderärzte haben noch nicht die Erfahrung, die nötig ist.

Was passiert, wenn du nicht behandelst?

Chronische Hepatitis B ist kein „Warten auf das Schlimmste“. Sie ist ein langsames, unaufhaltsames Absterben von Leberzellen. Ohne Behandlung entwickeln 15 bis 40 Prozent der Betroffenen innerhalb von 20 bis 30 Jahren Leberzirrhose. Und von diesen wiederum 15 bis 25 Prozent bekommen Leberkrebs - oft ohne Vorwarnung.

Leberkrebs ist eine der häufigsten Todesursachen bei chronisch Hepatitis-B-Patienten. Und er ist oft zu spät entdeckt. Deshalb ist die regelmäßige Kontrolle so wichtig: Jedes halbe Jahr ein Ultraschall der Leber und ein AFP-Bluttest (ein Tumormarker). Wer das tut, hat eine 70-prozentig höhere Überlebenschance. Das ist kein theoretischer Vorteil. Das ist real. Das hat eine Studie aus Asien mit über 10.000 Patienten bewiesen.

Die Impfung: Der beste Schutz

Die Hepatitis-B-Impfung ist eine der effektivsten Impfungen der Welt. Sie schützt zu über 95 Prozent - und das für mindestens 30 Jahre, oft lebenslang. Die WHO will bis 2030 die Hepatitis-B-Infektionen um 90 Prozent reduzieren. Das ist nur möglich, wenn jedes Neugeborene innerhalb von 24 Stunden nach der Geburt geimpft wird - und alle Kinder und Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr nachgeholt werden.

In Deutschland ist die Impfung für alle Kinder seit 1995 Teil des Impfkalenders. Doch viele Erwachsene sind nicht geimpft - besonders Menschen über 40, die nie eine Impfung bekommen haben. Und das ist gefährlich. Denn Hepatitis B verbreitet sich nicht nur durch Blut. Auch durch geteilte Rasierklingen, Zahnbürsten, Tattoos oder ungeschützten Sex. Wer nicht geimpft ist, ist gefährdet.

Die Impfung besteht aus drei Dosen: Erste Dosis, zweite Dosis nach einem Monat, dritte Dosis nach sechs Monaten. Wer nach der dritten Dosis keine Antikörper bildet (das passiert bei 5 bis 10 Prozent), bekommt eine zweite Impfserie. Es gibt auch Kombinationsimpfstoffe mit Hepatitis A - besonders sinnvoll für Reisende.

Menschenreihe mit Impfstofffläschchen, während eine riesige Impfhand die Viren zerstört und Himmel aufklart.

Was ist mit Hepatitis D?

Die Hepatitis D (HDV) ist eine seltsame Krankheit. Sie kann nur existieren, wenn das Hepatitis-B-Virus bereits da ist. Ein Mensch kann nicht nur mit HDV infiziert werden - er muss bereits Hepatitis B haben. Und wenn er das hat, wird die Krankheit oft viel schlimmer. 70 Prozent der Menschen mit HBV/HDV-Koinfektion entwickeln innerhalb von zehn Jahren eine Leberzirrhose - das ist schneller als bei HBV allein.

Die gute Nachricht: Jeder, der HBsAg positiv ist, sollte auf HDV getestet werden. Das ist jetzt eine klare Empfehlung in den Leitlinien von 2025. Die Tests sind einfach - ein Bluttest reicht. Und wenn HDV da ist, gibt es neue Behandlungen - wie Bulevirtid, das seit 2020 in Europa zugelassen ist. Es hemmt das Eindringen des Virus in die Leberzellen. Noch nicht perfekt - aber ein großer Schritt.

Was kommt als Nächstes?

Die Zukunft der Hepatitis-B-Behandlung liegt nicht in längeren Tablettenkursen. Sie liegt in der Heilung. Forscher arbeiten an Medikamenten, die das cccDNA - das genetische Zentrum des Virus - zerstören. Das ist der Schlüssel. Solange dieses DNA-Fragment in der Leber bleibt, kann das Virus immer wieder neu starten. 15 neue Wirkstoffe sind in klinischen Studien - und die ersten Ergebnisse sind vielversprechend.

Einige Studien zeigen: Kombinationen aus Antiviralen, Immunmodulatoren und neuen antiviralen Wirkstoffen können bei 20 bis 30 Prozent der Patienten eine funktionelle Heilung erreichen - das bedeutet: HBsAg verschwindet, die Antikörper entstehen, und das Virus bleibt verschwunden. Bis 2030 könnte das bei einem Viertel der Patienten möglich sein. Es ist kein Traum - es ist eine wissenschaftliche Realität.

Was solltest du tun?

  • Wenn du nicht weißt, ob du geimpft bist: Mach einen Bluttest auf HBsAg und Anti-HBs.
  • Wenn du HBsAg positiv bist: Gehe zu einem Leberspezialisten - nicht zum Hausarzt. Die Behandlung ist komplex.
  • Wenn du chronisch infiziert bist: Nimm deine Medikamente jeden Tag. Setz deine Kontrollen nicht aus.
  • Wenn du schwanger bist und HBV hast: Sprich mit deinem Arzt über Tenofovir ab der 28. Woche.
  • Wenn du nicht geimpft bist: Lass dich impfen. Es ist sicher, billig und lebensrettend.

Chronische Hepatitis B ist kein Urteil. Sie ist eine Krankheit - und sie ist behandelbar. Und mit der Impfung kann sie verschwinden. Die Technologie ist da. Die Medikamente sind da. Was fehlt, ist nur der Mut, sich testen zu lassen - und den Mut, sich zu impfen.

Ist Hepatitis B ansteckend?

Ja, Hepatitis B ist ansteckend - aber nicht über die Luft oder durch Essen. Das Virus steckt im Blut, Sperma, Vaginalflüssigkeit und manchmal in Speichel. Es verbreitet sich durch ungeschützten Sex, geteilte Spritzen, Tätowierungen mit nicht sterilisierten Nadeln, oder von Mutter auf Kind bei der Geburt. Alltagshandlungen wie Umarmen, Küssen, Husten oder gemeinsames Essen sind völlig sicher.

Kann man Hepatitis B heilen?

Mit den aktuellen Medikamenten ist eine vollständige Heilung selten - aber eine funktionelle Heilung möglich. Das bedeutet: Das Virus bleibt im Körper, aber es ist so gut wie verschwunden. HBsAg ist nicht mehr nachweisbar, und der Körper bildet Antikörper. Das ist der Zustand, den Ärzte als „Behandlungserfolg“ betrachten. Forscher arbeiten daran, dass mehr Patienten diese Heilung erreichen - mit neuen Kombinationen von Medikamenten.

Wie oft muss man zum Arzt?

Jeder mit chronischer Hepatitis B sollte alle sechs Monate zum Leberspezialisten. Dort wird die Leber mit Ultraschall untersucht, der AFP-Wert gemessen und die HBV-DNA im Blut kontrolliert. Wer antiviral behandelt wird, muss zusätzlich alle 3 bis 6 Monate die Nieren- und Knochenwerte prüfen lassen - besonders wenn er Tenofovir nimmt.

Was ist mit Alkohol?

Alkohol ist bei Hepatitis B eine schlechte Kombination. Er beschleunigt die Leberschädigung, erhöht das Risiko für Leberzirrhose und Leberkrebs und kann die Wirkung der Medikamente beeinträchtigen. Selbst kleine Mengen sind riskant. Die Empfehlung ist klar: Kein Alkohol - und das fürs Leben.

Kann ich mit Hepatitis B Kinder bekommen?

Ja, absolut. Mit moderner Medizin ist das Risiko, das Kind anzustecken, heute unter 5 Prozent. Wichtig ist: Die Mutter sollte ab der 28. Schwangerschaftswoche mit Tenofovir behandelt werden, wenn der Viruslast hoch ist. Das Kind bekommt nach der Geburt innerhalb von 12 Stunden die Hepatitis-B-Impfung und eine Schutzspritze (HBIG). Danach wird es noch drei weitere Impfungen bekommen. So ist es sicher.

Gibt es Nebenwirkungen der Antivirale?

Die modernen Antivirale wie Tenofovir alafenamid (TAF) und Entecavir sind sehr gut verträglich. Die häufigsten Nebenwirkungen sind leichte Kopfschmerzen oder Müdigkeit - aber das passiert selten. TDF kann langfristig die Nieren belasten oder die Knochendichte senken. Deshalb wird heute TAF bevorzugt. Regelmäßige Kontrollen machen diese Risiken beherrschbar.

Warum ist die Impfung so wichtig?

Weil Hepatitis B oft jahrelang ohne Symptome verläuft - und dann plötzlich zu Leberkrebs führt. Die Impfung ist der einzige Weg, diese Krankheit zu verhindern. Sie ist sicher, wirksam und kostengünstig. Jedes geimpfte Kind ist ein Kind, das nie an Leberkrebs sterben wird. Und jede geimpfte Erwachsene ist eine Person, die nicht anderen Menschen das Virus weitergibt.