Wenn Kinder nicht einschlafen können, greifen viele Eltern schnell zu Melatonin. Es ist leicht erhältlich, wirkt angeblich natürlich und scheint eine einfache Lösung zu sein. Doch hinter diesem scheinbar harmlosen Supplement steckt eine komplexe medizinische Realität. Melatonin ist kein gewöhnlicher Nahrungsergänzungsmittel - es ist ein Hormon, das den Schlaf-Wach-Rhythmus steuert. Und bei Kindern kann es, trotz seiner weit verbreiteten Nutzung, ernsthafte Risiken bergen, wenn es nicht richtig eingesetzt wird.
Was ist Melatonin wirklich?
Melatonin wird natürlich im Körper produziert, hauptsächlich von der Zirbeldrüse, wenn es dunkel wird. Es signalisiert dem Gehirn: Es ist Zeit zum Schlafen. Seit den 1990er-Jahren wird es als Supplement verwendet, um Schlafprobleme bei Erwachsenen zu behandeln. Doch in den letzten Jahren hat sich seine Nutzung bei Kindern dramatisch erhöht. Studien zeigen, dass zwischen 2007 und 2017 die Anzahl der Kinder, die Melatonin einnehmen, von 0,5 % auf 3,1 % gestiegen ist. Das ist eine mehr als sechsfache Zunahme.
Doch hier liegt das Problem: In den USA, wo Melatonin als Nahrungsergänzung verkauft wird, unterliegt es keiner strengen Prüfung. Die Hersteller müssen nicht beweisen, dass ihre Produkte wirken oder sicher sind. Eine Studie aus dem Jahr 2022, veröffentlicht im JAMA Network Open, fand heraus: In mehr als 70 % der Melatonin-Produkte, die online verkauft werden, war die tatsächliche Menge an Melatonin um bis zu 470 % höher als auf der Packung angegeben. Ein Produkt, das 1 mg behauptet, enthielt manchmal bis zu 5 mg. Das ist kein geringer Unterschied - besonders bei Kindern.
Wie viel Melatonin ist sicher?
Es gibt keine einheitliche Empfehlung. Jede Klinik, jede Fachgesellschaft, jedes Land gibt andere Dosen vor. Das verwirrt Eltern und Ärzte gleichermaßen.
- Kinder unter 3 Jahren: Melatonin sollte nicht verwendet werden. Schlafprobleme in diesem Alter sind oft auf Entwicklung, Ernährung oder Umgebung zurückzuführen und bessern sich meist von selbst.
- Kinder zwischen 3 und 5 Jahren: 0,5 bis 1 mg. Einige Experten empfehlen sogar nur 0,3 mg - das entspricht der natürlichen Menge, die der Körper selbst produziert.
- Kinder zwischen 6 und 12 Jahren: 1 bis 3 mg. Höhere Dosen sind nicht notwendig und können Nebenwirkungen verursachen.
- Jugendliche (13-18 Jahre): 1 bis 5 mg. Einige Ärzte verschreiben bis zu 10 mg, aber nur unter strenger Aufsicht.
Ein wichtiger Hinweis: Die höchste empfohlene Dosis für ein Kind sollte 12 mg nicht überschreiten. Doch selbst diese Dosis ist extrem hoch - sie entspricht dem Zehnfachen dessen, was der Körper normalerweise produziert. Studien zeigen, dass Dosen über 10 mg die Melatonin-Konzentration im Blut über 100-mal anheben können und bis zu 24 Stunden im Körper verbleiben. Das ist kein harmloses Schlafmittel - das ist eine hormonelle Überlastung.
Wann und wie sollte Melatonin gegeben werden?
Es bringt nichts, Melatonin einfach irgendwann vor dem Schlafengehen zu geben. Die Wirkung hängt stark vom Zeitpunkt ab.
- Zeitpunkt: 30 bis 60 Minuten vor dem geplanten Schlafengehen. Zu früh - es wirkt nicht mehr, wenn das Kind tatsächlich müde wird. Zu spät - es wirkt nicht rechtzeitig.
- Form: Tabletten oder Flüssigkeit sind besser als Gummibärchen. Gummis enthalten oft Zucker, Aromen und künstliche Farbstoffe, die den Schlaf zusätzlich stören können.
- Dauer: Nur kurzfristig. Maximal zwei bis drei Wochen. Langfristige Anwendung ist nicht erforscht. Kinder, die jahrelang Melatonin nehmen, könnten ihre natürliche Produktion beeinträchtigen.
Welche Kinder profitieren - und welche nicht?
Nicht jedes Kind, das schlecht schläft, braucht Melatonin. Es ist kein Allheilmittel.
Studien zeigen, dass Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) oder ADHS am häufigsten von Melatonin profitieren. Bei diesen Kindern ist die natürliche Melatonin-Produktion oft gestört. Eine Studie aus dem Jahr 2015 fand heraus, dass bis zu 80 % dieser Kinder durch niedrige Dosen (0,5-3 mg) deutlich besser schliefen. Für sie ist Melatonin oft eine lebenswichtige Hilfe.
Doch bei gesunden Kindern mit einfachen Einschlafproblemen? Hier hilft oft etwas ganz anderes: eine konsequente Abendroutine. Warmes Bad, leise Musik, kein Bildschirm mindestens eine Stunde vor dem Schlafengehen, ein fester Schlafzeitpunkt, auch am Wochenende. Diese einfachen Schritte lösen 70 % der Schlafprobleme - ohne Medikamente.
Was passiert bei einer Überdosis?
Melatonin ist kein „harmloses“ Mittel. Eine Überdosierung kann gefährlich sein.
- Kinder können Übelkeit und Erbrechen bekommen.
- Es kann zu schnellem Herzschlag oder niedrigem Blutdruck führen.
- In seltenen Fällen kam es zu Krampfanfällen oder Bewusstlosigkeit.
Wenn ein Kind mehr als das Doppelte der empfohlenen Dosis eingenommen hat - gehen Sie sofort in die Notaufnahme. Nicht warten, bis es „von selbst“ besser wird. Die Wirkung kann stundenlang anhalten.
Warum ist Melatonin in Deutschland anders?
In Deutschland und den meisten europäischen Ländern ist Melatonin ein verschreibungspflichtiges Medikament. Es wird nur als slow-release-Tablette (Circadin) mit 2 mg verabreicht - und das nur bei bestimmten Schlafstörungen. In den USA ist es im Supermarkt neben Vitamine zu kaufen. Diese Unterschiede führen dazu, dass Eltern, die in den USA leben, oft nicht verstehen, warum ihr deutscher Kinderarzt so zurückhaltend ist.
Der Unterschied liegt in der Regulierung: In Europa muss ein Medikament beweisen, dass es wirkt und sicher ist. In den USA muss das nur für echte Medikamente gelten - nicht für Nahrungsergänzungsmittel. Deshalb empfehlen Experten: Wenn Sie in Deutschland leben, fragen Sie Ihren Kinderarzt. Er kann Ihnen ein verschreibungspflichtiges Produkt geben, das genau die richtige Menge enthält - und keine unerwarteten Zusatzstoffe.
Was sollten Eltern tun - und was nicht?
Es gibt klare Regeln, die jeder Elternteil kennen sollte:
- Nicht einfach kaufen und geben. Melatonin ist kein Vitamin. Es ist ein Hormon. Immer mit dem Kinderarzt besprechen.
- Nicht mit höheren Dosen beginnen. Starten Sie immer mit der niedrigsten möglichen Dosis - 0,5 mg oder 1 mg.
- Nicht als Ersatz für eine gute Schlafroutine nutzen. Wenn das Kind abends noch den Fernseher anschaut, im Bett spielt oder am Handy scrollt, wird Melatonin nicht helfen.
- Nicht länger als 3 Wochen geben. Wenn es nach drei Wochen nicht hilft, dann ist Melatonin nicht die Lösung - dann muss man andere Ursachen suchen.
- Nicht auf Gummibärchen setzen. Wählen Sie Tabletten oder Flüssigkeit mit USP-Prüfzeichen - das garantiert, dass die Dosis stimmt.
Was kommt als Nächstes?
Wissenschaftler arbeiten intensiv daran, die langfristigen Auswirkungen von Melatonin bei Kindern zu verstehen. Bislang gibt es kaum Daten darüber, was passiert, wenn ein Kind über Jahre hinweg täglich Melatonin nimmt. Können sich Hormonsysteme verändern? Beeinflusst es die Pubertät? Hat es Auswirkungen auf das Immunsystem? Diese Fragen sind unbeantwortet.
Einige Ärzte warnen: Wir behandeln Symptome, aber nicht die Ursachen. Vielleicht schläft das Kind schlecht, weil es zu viel Stress hat. Weil es zu viel Zucker isst. Weil es am Tag nicht genug Bewegung hat. Weil es zu viel Licht am Abend bekommt. Melatonin kann helfen - aber es heilt nicht.
Die beste Lösung bleibt: Ruhe, Routine, Reduktion von Bildschirmen, Lichtkontrolle und Geduld. Manchmal braucht ein Kind nur Zeit - und keine Tablette.
Ist Melatonin für Kinder generell sicher?
Kurzfristig und unter ärztlicher Aufsicht kann Melatonin bei bestimmten Kindern sicher sein - besonders bei Autismus oder ADHS. Langfristig ist jedoch die Sicherheit nicht ausreichend erforscht. Es ist kein harmloses Nahrungsergänzungsmittel, sondern ein Hormon, das den Körper beeinflusst. Deshalb sollte es nie ohne ärztliche Beratung gegeben werden.
Welche Dosis ist für mein Kind richtig?
Es gibt keine einheitliche Dosis. Für Kinder unter 3 Jahren sollte Melatonin nicht verwendet werden. Für Kinder zwischen 3 und 5 Jahren beginnt man mit 0,5 bis 1 mg, für Schulkinder mit 1 bis 3 mg, und Jugendliche erhalten maximal 5 mg. Wichtig: Immer mit der niedrigsten Dosis starten und nur nach Rücksprache mit dem Kinderarzt erhöhen. Höhere Dosen bringen keinen besseren Effekt - nur mehr Risiken.
Kann Melatonin die natürliche Produktion des Körpers beeinträchtigen?
Es gibt Hinweise darauf, dass eine langfristige Einnahme von Melatonin die eigene Produktion des Körpers reduzieren könnte. Besonders bei Kindern, deren Hormonsystem noch im Aufbau ist, könnte das langfristige Auswirkungen haben. Deshalb wird empfohlen, Melatonin nur kurzfristig zu verwenden - maximal zwei bis drei Wochen - und danach zu prüfen, ob es noch nötig ist.
Warum sind Gummibärchen mit Melatonin problematisch?
Gummibärchen enthalten oft Zucker, künstliche Farbstoffe und Aromen, die die Schlafqualität verschlechtern können. Außerdem ist die Melatonin-Dosis in Gummis oft ungenau - manche enthalten zu wenig, andere zu viel. Außerdem sehen sie aus wie Süßigkeiten - Kinder könnten sie ohne Aufsicht nehmen. Tabletten oder Flüssigkeit sind sicherer und präziser.
Was kann man tun, wenn Melatonin nicht hilft?
Wenn Melatonin nach drei Wochen nicht hilft, ist es Zeit, andere Ursachen zu prüfen. Vielleicht liegt es an Schlafhygiene, Stress, Ernährung, Bewegung oder sogar einer zugrunde liegenden medizinischen Erkrankung wie Schlafapnoe oder Angststörungen. Ein Kinderarzt oder ein Kinder-Schlafspezialist kann dann gezielt untersuchen, was wirklich hinter dem Schlafproblem steckt.